
„Große Sinfonien für kleines Geld, Klassik für Jugendliche anschaulich erklärt“ – so lautet das Motto der Jungen Konzerte, die das hr-Sinfonieorchester seit über 70 Jahren veranstaltet, seit geraumer Zeit in Kooperation mit dem Jugendamt Frankfurt und der Alten Oper. Die Jungen Konzerte stellen damit das traditionsreichste Angebot der Musikvermittlung an Schülerinnen und Schüler in der Mainmetropole dar.
Seit der Saison 2016/17 wird dieses Angebot durch das Modul „Spielzeitschule“ ergänzt, das vom HR-Netzwerk „Musik und Schule“ initiiert und koordiniert wird. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern der ausgewählten Schulen werden für zwei Konzerte pro Saison Ideen entwickelt, wie ein speziell auf Jugendliche zugeschnittenes Konzertprogramm auf der Bühne präsentiert werden kann. Die Schülerinnen und Schüler stehen im Konzert gemeinsam mit dem Orchester auf der Bühne und führen moderierend durch den Konzertabend. Während die inhaltliche Auseinandersetzung und die Erstellung der Moderationstexte in Abstimmung mit dem Projektteam des HR vorwiegend im Musikunterricht stattfindet, erarbeitet ein professioneller Coach mit der Gruppe Aspekte, die für die Bühnenpräsenz entscheidend sind – u.a. Körpersprache, Handhabung des Mikrofons, Deutlichkeit der Sprache oder Timing. Mediale Elemente wie Video- oder Audiosequenzen oder szenische Einlagen können außerdem eingesetzt werden, sofern sie sich inhaltlich anbieten.
Die Musikfachschaft am ARG Heusenstamm besucht seit vielen Jahren mit Lerngruppen, vor allem der Oberstufe, die Konzertreihe des Hessischen Rundfunks in der Alten Oper. Nachdem der Musik-Grundkurs der Jahrgangsstufe E2 im vergangenen Jahr mehrere Konzerte zusammen mit seinem Lehrer Werner Fürst besucht hatte, stand die Idee im Raum, sich selbst als Spielzeitschule zu bewerben – die Zusage kam im Oktober, und damit stand auch fest, dass es um ein Konzert am 19. Februar gehen würde mit der Schauspielmusik, die Felix Mendelssohn Bartholdy zu William Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“ vor rund 200 Jahren schrieb. Den berühmten Hochzeitsmarsch daraus kennt vermutlich jeder, wird er doch auf vielen Hochzeiten auch heute noch gespielt. Vielleicht ist man irgendwann einmal auch der berühmten Ouvertüre begegnet, die der geniale Komponist schon mit 17 Jahren schrieb, aber die meisten anderen Teile sind seltener im Konzertsaal zu hören.
Ende November machten sich dann die elf Schülerinnen und Schüler (nunmehr Q1/Q2) an die Arbeit. Zunächst stand die Handlung von Shakespeares Theaterstück im Mittelpunkt – wie können einem jugendlichen Publikum die komplizierten Verwirrungen dieser Komödie am eindringlichsten nahegebracht werden? Schnell wurde klar: Das sollte am besten gelingen, indem man Kostüme und Requisiten einsetzt und die Handlung so knapp wie möglich, aber so ausführlich wie nötig zu Beginn des Konzerts nacherzählt. Um gleich zu Beginn die Aufmerksamkeit zu steigern, sollte mit dem bekanntesten Musikstück, dem Hochzeitsmarsch, begonnen werden; die Schülergruppe sollte wie bei einer richtigen Hochzeit dazu einziehen und der Kobold Puck sollte für Unruhe sorgen und gar den Dirigenten unterbrechen. Es zeigte sich: Der Applaus beim Einzug der Gruppe und zahlreiche Lacher aus dem Publikum bestätigten, dass das Konzept aufging.
Den zweiten Abschnitt bildeten musikalische Erläuterungen zur Ouvertüre. Dabei wurden die wichtigsten Themen vorgestellt und charakterisiert sowie vom Orchester angespielt. Zudem wurde an den berühmten ersten Takten des Musikstücks aufgezeigt, was diese Folge von Klängen so eindrucksvoll macht; dazu hatten die Schülerinnen und Schüler im Unterricht zunächst theoretisch vorgearbeitet und dann verschiedene Varianten des Anfangs komponiert, die das Orchester ebenfalls zu Gehör brachte. Um den Fluss innerhalb des Konzerts nicht zu stören, wurden die weiteren Erläuterungen zu den noch folgenden Musikstücken als Hörspielszenen in einem Studio des Hessischen Rundfunks vorproduziert und dann im Konzert eingespielt. Dabei wurden unterschiedliche Textformen gewählt – eine englische Sprachcollage, in der der Zauber von Shakespeares Sprache aufleuchtete, musikalische Erklärungen, zwei Podcast-Szenen, die ganz unterschiedliche Zielgruppen bzw. Senderprofile repräsentieren, die Gedanken der Liebespaare vor dem Hochzeitsmarsch als Innere Monologe und schließlich ein Epilog der Götter, zu dem auf der Bühne nochmals live agiert wurde. Und zuletzt sollte sogar ein Schüler noch den Schlussmonolog des Puck sprechen, so wie es Mendelssohn vorgesehen hatte – allerdings in einer leicht modernisierten Übersetzung.
Den ganzen Konzerttag verbrachte die Gruppe dann in Frankfurt. Zunächst stand der Besuch der Generalprobe auf dem Plan; dann schloss sich eine ausgiebige Bühnenprobe an. Schließlich wurden Kostüme und Requisiten angelegt und vereinzelt wurden Schülerinnen auch als Maskenbildnerinnen tätig. Gegen 19 Uhr war es dann so weit: Auf den Gängen hinter der Bühne trafen alle aufeinander – Orchestermusiker, Choristinnen, Schüler, Lehrer, Projektteam, Techniker, Inspizienz. Nicht nur einmal ein aufmunterndes „Toitoitoi“ von so professionellen Musikern zu hören oder von einer gestandenen Choristin um ein Selfie mit dem verzauberten Esel gebeten zu werden, zeigte die gute Stimmung wie auch die Wertschätzung für die geleistete Arbeit – und dann funktionierte alles bestens! Tosender Applaus am Ende war der verdiente Lohn für die Schülerinnen und Schüler, aber auch den Lehrer. Das Gefühl, auf einer so großen und bedeutenden Bühne über 1100 Konzertbesucher bestens unterhalten und zugleich gut informiert zu haben, brachte große Freude und Erleichterung mit sich und auch noch nach dem Konzert konnten sich alle über viele sehr positive mündliche wie schriftliche Rückmeldungen freuen. Man darf annehmen, dass das Projekt allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben wird.