Unterricht

Geschichte ist ...
„... das Muster, das man hinterher in das Chaos webt.”

(Carlo Levi, italienischer Schriftsteller und Politiker)

Geschichte

Historisches Denken gehört zur Grundausstattung des menschlichen Denkens.
Jeder Mensch denkt – auch ohne Geschichtsunterricht – historisch, zumindest indem er sich als Wesen mit Vergangenheit reflektiert. Dass diese Vergangenheit über das eigene Leben hinaus zurückreicht und fremd und interessant sein kann, bemerken Kinder spätestens, wenn sie im Rahmen ihrer Spiel- und Vorstellungswelten auf Ritter, Piraten, Prinzessinnen oder Indianerinnen stoßen. Meist urteilen sie dabei über die Menschen der Vergangenheit, indem sie von gegenwärtigen Normen und Normalitäten ausgehen.
Brandenburger TorSie beurteilen die historischen Menschen entweder als „Provinzler der Zeit”, die sich ziemlich dumm verhalten haben, oder als „kluge Köpfe”, die mit dem Erfahrungsschatz der Moderne ausgestattet scheinbar nachvollziehbare Entscheidungen getroffen haben. Sie können sich die Vergangenheit kaum anders als die Gegenwart in einer anderen Epoche vorstellen. Und auch die Zukunft ist nur eine Verlängerung dieser Gegenwart.

Aufgaben und Ziele

Aufgabe des Geschichtsunterrichts ist es, die von den Schülerinnen und Schülern mitgebrachten „Geschichtsbilder” aufzugreifen, anhand historischer Sachzusammenhänge zu reflektieren und in ein historisch-politisches Bewusstsein zu transformieren, das ihnen Hilfe zur Standortfindung, Standortbestimmung und Teilhabe am demokratischen und sozialen Rechtsstaat, in der gegenwärtigen Gesellschaft und in einer sich schnell verändernden Welt bietet. Den Schülerinnen und Schülern soll erkennbar und nachvollziehbar sein, was das Nachdenken über Vergangenes mit ihrer Gegenwart und Zukunft zu tun hat.
In der Gegenwart gibt es viele materielle und mentale Überbleibsel der Vergangenheit in der Form von Errungenschaften und Hypotheken.
In der Gegenwart wird an vielen Orten und bei vielen Gelegenheiten Bezug auf Geschichte genommen, und man kann im Geschichtsunterricht lernen, damit umzugehen.
Nichts in der Gegenwart ist voll begreifbar, wenn man nicht die historischen Ursachen und damit die Vorgeschichte kennt.
Es ist sinnvoll, sich die Ideen und Erfahrungen früherer Menschen zu vergegenwärtigen, um daran mögliche Orientierung für Entscheidungen in der Gegenwart und näheren Zukunft zu entwickeln.
Es ist ratsam, immer wieder historische Fragen nach Ursachen, früheren Ideen und Erfahrungen zu stellen.
Es ist sinnvoll, Verfahren historischer Erinnerung zu beherrschen, wenn man eine gegenwärtige und künftige Frage klären und vielseitig beantworten will.
Geschichte ist keine Widerspiegelung der Vergangenheit, sondern immer neu versuchte Deutung von Vergangenem unter dem Einfluss von Problemen und der erwarteten Zukunft. 

Geschichte am ARG

Buch

Am ARG beginnt der Geschichtsunterricht in der Jahrgangsstufe 7. Bis zum Ende der Mittelstufe (Jahrgangsstufe 9) werden exemplarisch und chronologisch Aspekte der Geschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein thematisiert, die den Schülerinnen und Schülern das Entwickeln eines reflektierten Geschichtsbewusstsein ermöglichen. Dabei steht das eigene Erarbeiten im Mittelpunkt des Unterrichts. Die Geschichte soll von den Schülerinnen und Schülern selbst erschlossen und ergründet werden, Daten und Fakten sollen weniger erlernt, sondern vielmehr interpretiert und reflektiert werden, wobei auch dem Einsatz neuer Medien eine immer stärkere Rolle zukommt.
Der Geschichtsunterricht in der gymnasialen Oberstufe baut auf den Grundlagen auf, die in der Sekundarstufe I gelegt wurden. Dabei greift er auch Inhalte auf, die bereits einmal Gegenstand des Unterrichts waren, dies aber unter einer Fragestellung, die auf komplexe Zusammenhänge abzielt, tiefer greifende Analysen und Interpretationen erfordert und den Schülerinnen und Schülern größere Transferleistungen, höheres Methodenbewusstsein und die Reflexion grundlegender historischer Begriffe abverlangt. Ab der Qualifikationsphase (Q1) können sich die Schülerinnen und Schüler für den Unterricht in einem Leistungskurs (LK) oder einem Grundkurs (GK) entscheiden. Die große Zahl der Leistungskursteilnehmerinnen und –teilnehmer der letzten Jahre zeigt, dass der Geschichtsunterricht am ARG Interesse bei vielen Schülerinnen und Schülern weckt und ihnen Freude bereitet. Besondere Stellung nimmt im Rahmen der Oberstufe das Unterrichtsprojekt Buchenwald (Weimar) ein, das als viertägige Projektarbeit am historischen Ort durchgeführt wird. Auch Gespräche mit Zeitzeugen verschiedener historischer Prozesse und Erfahrungen sind ein wiederkehrender Bestandteil des Geschichtsunterrichts am ARG.

Zeitzeugengespräch

Herr Herbert im Gespräch mit der Klasse 9a

Quellen, gleich welcher Art, stellen für den Historiker den Hauptgegenstand dar, um Sachverhalte zu erforschen und zu analysieren. Daher sind diese auch aus dem heutigen Geschichtsunterricht nicht mehr wegzudenken.

Wir, das Adolf-Reichwein-Gymnasium, betrachten es daher als großes Glück, mit Herrn Gerhard Herbert einen noch lebenden Zeitzeugen des Nationalsozialismus in unserer Mitte zu haben, welcher ferner als Kollege und Lehrer noch einige Stunden Latein am ARG unterrichtet.

Mit viel Herz, Offenheit und Emotionalität versucht er regelmäßig, den Schülerinnen und Schülern der neunten Jahrgangsstufe im Geschichtsunterricht in Form eines Zeitzeugengesprächs einen besonderen Zugang zu dieser Thematik zu ermöglichen und sie zu sensibilisieren.

1931 geboren, besuchte er als Sohn eines SS-Standartenführers auf dessen Wunsch ab 1941 die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) in Bensberg bei Köln. Auf diesen Schulen sollte die zukünftige „Elite für den Führer” ausgebildet werden. Disziplin, Gehorsam und Leistungsdruck prägten den Alltag. Mit Kriegsende kehrte Herr Herbert 1945 nach Hause zurück. Dies war jedoch nicht das Ende seiner „Geschichte”, sondern erst der Anfang.

Sein Vater Willy Herbert kam nicht aus dem besetzten Polen, wo er seit 1941 als Mitglied der Waffen-SS in den Konzentrationslagern Lublin und Sobibor an der „Aktion Reinhardt” beteiligt war, zurück nach Hause nach Frankfurt und wurde für Tod erklärt, bevor er unverhofft 1955 in München wieder „auftauchte” und zunächst verhaftet wurde. Angeklagt für einen Mord aus dem Jahre 1933 wurde er 1956 – nach Aussage seines Sohnes zu Unrecht – aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Über diesen Mord und seine Beteiligung an der „Aktion Reinhardt” während des Zweiten Weltkriegs schwieg der Vater bis zu seinem Lebensende 1969.

Sein Sohn Gerhard Herbert erlernte nach Kriegende zunächst den Beruf des Bäckers, arbeitete bei der Post, studierte anschließend Lehramt und ist nun seit 1970 als Lehrer an unserer Schule tätig. Erst sehr spät war es ihm möglich, die Details und das Ausmaß der Täterschaft seines Vaters zu erforschen und offenzulegen. Von diesen Eindrücken geprägt, steht er seit dieser Zeit als Zeitzeuge zur Verfügung. Dabei berichtet er sowohl über seine Zeit auf der Napola als auch über seine Familiengeschichte. Zahlreiche Fotos und Originaldokumente sowie seine ganz eigene liebenswerte Art zu erzählen, lassen seinen Vortrag anschaulich und verständlich erscheinen. Sein Anliegen ist es dabei, die jugendliche Generation „aufzuklären und wachzuhalten, damit sich dies nicht noch einmal wiederholt”, wobei er diesbezüglich „nicht sehr optimistisch” ist.

Wir möchten uns auch an dieser Stelle recht herzlich bei Herrn Herbert für sein unermüdliches Engagement bedanken! Wer ihn selbst einmal erleben und mehr über ihn und sein „Geschichte” erfahren möchte, ist herzlich eingeladen, an einem seiner ergreifenden Gespräche teilzunehmen.

Gunnar Schumacher, Laura Kniedel